Neue Statistikregeln bedrohen Jahrzehnte wirtschaftlicher Langzeitforschung
Marko MargrafNeue Statistikregeln bedrohen Jahrzehnte wirtschaftlicher Langzeitforschung
Geplante Änderung des Bundesstatistikgesetzes gefährdet Jahrzehnte wirtschaftswissenschaftlicher Forschung
Am 27. April 2016 berät der Innen- und Rechtsausschuss des Bundestags über eine umstrittene Novelle des Bundesstatistikgesetzes, die nach Warnungen von Kritikern schwerwiegende Folgen für datengestützte Studien haben könnte.
Die geplante Regelung würde das Statistische Bundesamt verpflichten, Unternehmensidentifikationsnummern nach zehn Jahren zu löschen. Diese eindeutigen Codes ermöglichen es Forschern, Betriebe über längere Zeiträume zu verfolgen und Daten aus verschiedenen Erhebungen über das AFiD-Projekt (Amtshilfe für die Forschung mit Individualdaten) zu verknüpfen. Ohne sie wären Langzeitstudien zu Unternehmenswachstum, Arbeitsplatzentwicklung und wirtschaftlichen Strukturveränderungen nicht mehr durchführbar.
Fachleute äußern massive Bedenken. Theresia Bauer, Wissenschafts-, Forschungs- und Kunstministerin von Baden-Württemberg, argumentiert, die Einschränkung untergrabe essenzielle Forschungsvorhaben. Auch der Verein für Socialpolitik, der 4.000 Ökonomen vertritt, protestierte in einem offenen Brief gegen den Entwurf und bezeichnete ihn als Bedrohung für eine evidenzbasierte Wirtschaftspolitik.
Befürworter des bisherigen Systems verweisen auf die bereits bestehenden Schutzmechanismen: Das Statistische Bundesamt anonymisiert Firmendaten und gewährt nur in gesicherten Forschungszentren Zugriff. Diese Maßnahmen garantieren Vertraulichkeit, ohne den analytischen Wert der Daten zu beeinträchtigen.
Sollte die Änderung verabschiedet werden, würde ein zentrales Instrument zur Erforschung der deutschen Wirtschaft verloren gehen. Wissenschaftler könnten historische und aktuelle Unternehmensdaten nicht mehr verknüpfen – und damit auch keine aussagekräftigen Erkenntnisse über langfristige Entwicklungen mehr gewinnen. Die Debatte am 27. April wird entscheiden, ob der Vorschlag weiterverfolgt oder abgelehnt wird.






