Bachmann-Preis 2024: Triumphe, Tabus und die prekäre Realität des Schreibens
Juan MentzelBachmann-Preis 2024: Triumphe, Tabus und die prekäre Realität des Schreibens
Der Bachmann-Preis im Juni vereinte Schriftsteller:innen und Juror:innen zu einem literarischen Großereignis von hoher Spannung. Sieben Jurorinnen prüften die Texte der Autor:innen mit akribischem Blick – die Veranstaltung entwickelte sich zu einer Arena intensiver Auseinandersetzung. Gleichzeitig rückte sie die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse in der Literaturszene in den Fokus: Einige Teilnehmer:innen kritisierten offen die Branchenbedingungen.
An einem glühend heißen Sommertag begann der Wettbewerb mit Lesungen und scharfen Debatten. Slata Roschal betrat die Bühne, kündigte jedoch an, unmittelbar nach ihrem Auftritt zu gehen – eine Diskussion mit der Jury lehnte sie ab. Später prangerte sie das Literaturestablishment an: Die niedrigen Fördergelder und die finanzielle Not vieler Autor:innen seien untragbar.
Die Jury lobte vor allem kreative Kraft und handwerkliche Präzision; nur wenige Texte wurden rundweg abgelehnt. Wiederkehrende Motive wie der „Fleck“ – Symbol für die labilen Existenzbedingungen vieler Schriftsteller:innen – zogen sich durch die Beiträge. Bezüge gab es auch zu Ingeborg Bachmanns Hörspiel Der gute Gott von Manhattan, das Gott als Angeklagten zeigt.
Magdalena Schrefel erhielt den kleinsten 3sat-Preis für Kirschen, Herz in der Schlinge – eine tief persönliche Reflexion über Brustkrebs und die Sprachlosigkeit darüber. Ozan Zakariya Keskinkılıç wurde mit dem Deutschlandfunk-Preis für Vater ohne Sohn ausgezeichnet, eine zurückhaltend erzählte, aber berührende Geschichte über die Herausforderungen eines schwulen Vaters. Kinga Tóth gewann den KELAG-Preis mit ihrer scharf beobachteten, polyphonen Erzählung einer „Ostblock-Frau“ und ihren alltäglichen Demütigungen. Schaette sicherte sich sowohl den mit 30.000 Euro dotierten Hauptpreis als auch den Publikumspreis für Was wir tragen – eine kraftvolle Auseinandersetzung mit der lebenslangen Gewalt, der dicke Menschen ausgesetzt sind.
Der Bachmann-Preis präsentierte nicht nur mutige literarische Stimmen, sondern legte schonungslos die ökonomischen Realitäten des Schreibens offen. Preisträger:innen wie Schaette, Schrefel, Keskinkılıç und Tóth brachten vielfältige, persönliche Geschichten auf die Bühne. Die Veranstaltung hinterließ Spuren – künstlerisch wie als ungeschminkter Spiegel der Branche.
